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Meinung

11.900€ pro Stunde: Was Herzchirurgen von High-Ticket-Coaches lernen können

Von Redaktion · Veröffentlicht am 17. Februar 2026

Ein Oberarzt für Herzchirurgie verdient in Deutschland durchschnittlich 34 Euro pro Stunde. Er hat sechs Jahre Medizin studiert, fünf Jahre Facharztausbildung absolviert, Hunderte von Operationen unter Aufsicht durchgeführt. Er hält Herzen in der Hand. Buchstäblich.

Eine VIP-Stunde mit einem bekannten High-Ticket-Coach kostet 11.900 Euro. Netto. Das sind 198 Euro pro Minute. Das steht so im Shop. Das Handelsblatt hat es recherchiert. Es ist keine Satire.

Oberarzt Herzchirurgie

34 €
pro Stunde
6 Jahre Studium
5 Jahre Facharztausbildung
Rettet Menschenleben

High-Ticket-Coach VIP

11.900 €
pro Stunde
Kein regulierter Beruf
Keine Mindestqualifikation
Verkauft Mindset

Das ist ein Faktor von 350. Dreihundertfünfzig. Der Coach verdient in einer Stunde so viel wie der Herzchirurg in zwei Monaten.

Die Qualifikation

Um Herzchirurg zu werden, brauchst du:

• Abitur (Notendurchschnitt meist unter 1,2)
• 6 Jahre Medizinstudium
• 3 Staatsexamen
• 5-6 Jahre Facharztausbildung
• Hunderte dokumentierte Operationen
• Regelmäßige Fortbildungspflicht
• Haftpflichtversicherung

Um High-Ticket-Coach zu werden, brauchst du:

• Einen Laptop
• Einen Zoom-Account
• Die Fähigkeit, „Mindset" überzeugend auszusprechen

„Coach" ist in Deutschland kein geschützter Beruf. Jeder kann sich morgen früh Coach nennen. Jeder kann 11.900 Euro pro Stunde verlangen. Ob jemand zahlt, ist eine andere Frage – aber rechtlich steht dem nichts im Weg.

„Der Herzchirurg repariert dein Herz. Der Coach repariert dein Mindset. Einer von beiden kann beweisen, dass er es kann."

Was du für 11.900 Euro bekommst

Beim Herzchirurgen: Eine Operation, die dein Leben rettet. Dokumentiert, versichert, von einem Team aus spezialisierten Fachkräften durchgeführt.

Beim High-Ticket-Coach: 60 Minuten Gespräch. Über Zoom. Keine Garantie. Keine Versicherung. Keine Rechenschaftspflicht. Wenn es nicht wirkt, lag es an deinem Mindset.

Das Manager Magazin hat im Mai 2025 gefragt: „Ist das Satire?"

Es war ein Artikel über Louboutin-Schuhe als „Statement von Dominanz und Klasse". Die Antwort auf die Frage war: Nein, das ist keine Satire. Das ist Marketing.

Der Preis als Qualitätsbeweis

In der High-Ticket-Welt gilt eine einfache Logik: Je teurer, desto besser. Der Preis selbst wird zum Qualitätsmerkmal. 11.900 Euro kann nicht schlecht sein – sonst würde niemand so viel verlangen.

Es ist die Umkehrung normaler Marktlogik. Normalerweise rechtfertigt Qualität den Preis. Hier rechtfertigt der Preis sich selbst.

Und es funktioniert. Leute zahlen. Sie zahlen, weil sie glauben, dass Erfolg kaufbar ist. Dass 60 Minuten mit dem richtigen Menschen ihr Leben verändern können. Dass der Preis ein Filter ist, der nur die „Richtigen" durchlässt.

Was der Herzchirurg falsch macht

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht der Herzchirurg alles falsch:

• Er arbeitet in einem regulierten Markt (keine freie Preissetzung)
• Er braucht teure Ausbildung und Infrastruktur
• Er kann verklagt werden, wenn er Fehler macht
• Er muss Ergebnisse liefern, die messbar sind
• Er kann nicht behaupten, das Scheitern sei ein „Mindset-Problem" des Patienten

Der High-Ticket-Coach hat keines dieser Probleme.

„Wenn deine Bypass-OP nicht klappt, verklagt dich der Patient. Wenn dein Coaching nicht klappt, verklagst du den Kunden."

Die Louboutins

Der besagte Coach trägt Louboutin-Schuhe. Rote Sohlen. 800 Euro das Paar. Er nennt sie „Statement für Dominanz und Klasse".

Der Herzchirurg trägt Crocs im OP. Grüne. 40 Euro das Paar. Er nennt sie „bequem".

Wer von beiden hat den besseren Return on Investment?

Fazit

Ich sage nicht, dass Coaching wertlos ist. Es gibt großartige Coaches, die Menschen wirklich helfen. Aber die verlangen selten 11.900 Euro pro Stunde.

Ich sage: Wenn jemand das 350-fache eines Herzchirurgen verlangt, ohne regulierte Ausbildung, ohne Haftung, ohne Ergebnisverpflichtung – dann solltest du fragen, wofür du eigentlich zahlst.

Die Antwort ist: Du zahlst für das Gefühl. Für die Hoffnung. Für das Privileg, in der Nähe von jemandem zu sein, der dir erzählt, dass du es schaffen kannst.

Vielleicht ist dir das 11.900 Euro wert. Vielleicht nicht.

Der Herzchirurg fragt nicht. Er macht einfach seinen Job. Für 34 Euro die Stunde.

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