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„1.300% Mehrumsatz": Was die Statistik wirklich sagt – und was sie verschweigt

Von Redaktion · Veröffentlicht am 21. Februar 2026

Die Zahl prangt auf Landing Pages, in YouTube-Ads, in Testimonials: „Durchschnittlich 1.300 Prozent Mehrumsatz." Klingt nach einer wissenschaftlichen Studie. Nach einer geprüften Statistik. Nach einem Versprechen, das man in die Bank tragen kann.

Ist es aber nicht.

Ich habe mir angeschaut, woher diese Zahl kommt, wie sie berechnet wird, und was sie verschweigt. Die Antwort ist ein Meisterstück des selektiven Rechnens – und ein Lehrstück darüber, wie man mit echter Mathematik falsche Hoffnung verkauft.

Die Rechnung

Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Ein Coach – nennen wir ihn Christian – wird in einer Fallstudie präsentiert. Januar: 20.000 Euro Monatsumsatz. Dezember: 280.000 Euro. Die Rechnung ist simpel:

(280.000 – 20.000) / 20.000 × 100 = 1.300%

Mathematisch korrekt. Aber hier beginnt das Problem.

Die Stichprobe

Der Anbieter gibt an, über 9.800 Kunden betreut zu haben. Auf der Website, in Testimonials, in Fallstudien werden vielleicht 30, 40, 50 Erfolgsgeschichten gezeigt. Das sind 0,5 Prozent.

Was ist mit den anderen 99,5 Prozent?

Es gibt keine öffentliche Statistik. Keine Stichprobengröße. Keinen Median. Keine Standardabweichung. Keine Angabe, wie viele Kunden 0 Prozent Wachstum hatten. Oder minus 50 Prozent. Oder ihr Geschäft aufgegeben haben.

„Durchschnittlich 1.300% Mehrumsatz" ist keine Statistik. Es ist eine Auswahl der besten Geschichten.

Survivorship Bias

Im Zweiten Weltkrieg analysierte der Statistiker Abraham Wald beschädigte Bomber, die von Einsätzen zurückkehrten. Die Militärs wollten die Stellen verstärken, die am meisten Einschusslöcher hatten. Wald sagte: Nein. Verstärkt die Stellen, die keine Löcher haben. Denn die Flugzeuge, die dort getroffen wurden, kamen nie zurück.

Das ist Survivorship Bias. Und genau das passiert hier.

Du siehst nur die Coaches, die es geschafft haben. Die, die nach 25.000 Euro Investment pleite gegangen sind, machen keine Testimonials. Sie tauchen nicht in den Case Studies auf. Sie existieren in der Statistik nicht.

Was Trustpilot erzählt

Auf Trustpilot hat der Anbieter 4,9 von 5 Sternen bei über 3.000 Bewertungen. Klingt beeindruckend. Aber scroll zu den 1-Stern-Bewertungen. Da steht:

„Zu teuer, zu generisch."
„Keinen Mehrumsatz, nur Mehrkosten."
„Hat mein zuvor gut laufendes Geschäft ruiniert."

Die Antwort des Unternehmens ist immer die gleiche: „Individuelle Umsetzung entscheidend." Übersetzt: Wenn es nicht klappt, liegt es an dir.

Die fehlende Variable

Die 1.300-Prozent-Behauptung verschweigt die wichtigste Variable: die Basisrate. Wie viel Prozent aller Kunden erreichen überhaupt ein positives Ergebnis? Wie viele bleiben bei plus/minus null? Wie viele verlieren Geld?

Niemand weiß es. Weil niemand es veröffentlicht.

Das Unternehmen ist TÜV-zertifiziert – für seine Prozesse. Nicht für seine Erfolgszahlen. Der Unterschied ist fundamental: Der TÜV sagt, dass die Firma ordentlich arbeitet. Er sagt nicht, dass die Kunden erfolgreich werden.

Was wir wissen:

• 9.800+ Kunden (Angabe des Anbieters)

• ~50 Erfolgsgeschichten öffentlich (0,5%)

• 0 veröffentlichte Misserfolge

• 0 unabhängige Überprüfungen

• 0 Angaben zu Median/Standardabweichung

Die ehrliche Statistik

Eine ehrliche Statistik würde so aussehen:

„Von 9.800 Kunden haben 312 ihren Umsatz um mehr als 500% gesteigert. 4.200 hatten moderate Verbesserungen zwischen 10-50%. 3.100 blieben bei plus/minus null. 2.188 hatten weniger Umsatz als vorher."

Aber so eine Statistik wirst du nie sehen. Weil sie nicht verkauft.

Das Fazit

Die 1.300-Prozent-Zahl ist nicht gelogen. Sie ist selektiv wahr. Sie zeigt die Gewinner und versteckt die Verlierer. Sie präsentiert Ausreißer als Durchschnitt. Sie verkauft Hoffnung als Mathematik.

Und das ist legal. Moralisch fragwürdig, aber legal.

Wenn du das nächste Mal „durchschnittlich 1.300% Mehrumsatz" liest, frag dich: Durchschnitt von wem? Berechnet wie? Und wo sind die anderen 99,5 Prozent?

„Die Zahlen stimmen. Aber die Geschichte, die sie erzählen, ist eine andere."
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