Euro-Pyramide mit Coaches
Warnung

Die große deutsche Coaching-Maschine

Von Redaktion · Veröffentlicht am 23. Februar 2026

Das Erste, was du über die deutsche High-Ticket-Coaching-Branche wissen musst: Sie ist überall. In deinem LinkedIn-Feed. In den YouTube-Werbungen, die du nicht wegklicken kannst. In den Instagram-Stories mit Lamborghinis vor Palmen. Die erfolgreichsten Vertreter dieser Industrie sind riesige Vampirkraken, die sich um das Gesicht der deutschen Mittelschicht geschlungen haben und gnadenlos ihre Blutrüssel in jeden rammen, der davon träumt, sein eigener Chef zu sein.

Das klingt hart. Aber schau dir die Zahlen an.

Ein typischer High-Ticket-Anbieter aus dem Rheinland – nennen wir ihn den Koblenz-Kraken – macht nach eigenen Angaben 38 Millionen Euro Jahresumsatz. Mit 65 Mitarbeitern. Das sind 580.000 Euro pro Mitarbeiter. Zum Vergleich: Bei Volkswagen sind es 350.000. Bei der Deutschen Bank 280.000. Der Krake ist produktiver als die größten Konzerne des Landes. Oder er hat ein Geschäftsmodell, das auf einer mathematischen Unmöglichkeit basiert.

Spoiler: Es ist Letzteres.

„Organisierte Gier besiegt immer die desorganisierte Hoffnung."

Das Modell

Das Modell funktioniert so: Du bist Coach, Berater, Trainer, „Experte" – oder willst einer werden. Du siehst die Werbung. Ein Mann in einer Old-Money-Weste macht Selfies in der Business-Class-Toilette. Seine Rolex kostet mehr als dein Auto. Er verspricht dir: „In 3-6 Monaten auf über eine Million Euro Jahresumsatz skalieren." Durchschnittlich 1.300 Prozent Mehrumsatz. Drei bis vier Hochpreis-Kunden pro Woche. 80 Prozent Abschlussquote.

Du denkst: Das will ich auch.

Du buchst das „kostenlose Strategiegespräch". Und dann passiert etwas, das Verbraucherschützer als „massiven Abschlussdruck" bezeichnen. Binnen Minuten – manchmal noch während des Zoom-Calls – unterschreibst du einen Vertrag über 15.000, 25.000, manchmal 42.000 Euro. In Raten, versteht sich. Über 12 bis 24 Monate.

Was du dafür bekommst: Zoom-Calls. Viele Zoom-Calls. Tägliche „Live-Calls" mit Hunderten anderen Teilnehmern. Eine WhatsApp-Gruppe. Und das Versprechen, dass dein Scheitern nur ein „Mindset-Problem" ist.

Die Selbstimmunisierung

Das Geniale an diesem System ist seine Selbstimmunisierung. Funktioniert es? Du bist ein Erfolgsbeispiel, wirst zum Testimonial, empfiehlst das Programm weiter. Funktioniert es nicht? Du hast nicht genug gearbeitet. Du hast nicht genug geglaubt. Du bist ein Hater.

Auf Trustpilot schreibt ein ehemaliger Kunde: „Hat mein zuvor gut laufendes Geschäft ruiniert." Ein anderer: „Mitarbeiterin wie ein Chat-Bot. Zu viel System, zu wenig Mensch." Die Antworten der Firma sind bemerkenswert: sarkastisch, defensiv, manchmal offen höhnisch.

Das ist keine Kundenbetreuung. Das ist Verachtung als Geschäftsmodell.

„Hater haben einfach kein Mindset."– Jeder High-Ticket-Guru, immer

Die Gerichte geben ihnen Recht

Aber hier kommt der eigentliche Clou: Die Gerichte geben ihnen Recht.

Das Oberlandesgericht Köln hat entschieden: Vertrag gültig. Kein Widerruf. Die Kundin muss zahlen – über 30.000 Euro, plus Zinsen, plus Kosten. Begründung: Sie hat als Unternehmerin gehandelt, nicht als Verbraucherin. Das Fernunterrichtsschutzgesetz greift nicht. Zoom-Calls sind kein Fernunterricht.

Der Krake selbst feiert diese Urteile öffentlich: „Bei uns gibt es kein Geld zurück. Das haben mehrere Gerichte bestätigt."

Man muss das bewundern. Es ist eine perfekte Maschine.

Coach-Inception

Aber warte – es wird noch besser. Denn was verkauft der Krake eigentlich?

Er verkauft das System, mit dem er dir das System verkauft hat.

Die Kunden sind fast ausschließlich Coaches, Berater, Trainer. Sie lernen, wie man High-Ticket-Preise durchsetzt. Wie man Funnels baut. Wie man „Strategiegespräche" führt, die in 45-Minuten-Abschlüssen enden. Sie lernen, Kopien des Kraken zu werden.

Die erfolgreichsten Absolventen werden selbst zu Coaches. Sie verkaufen an die nächste Generation. Die verkauft an die übernächste. Es ist Coach-Inception. Coaches, die Coaches coachen, die Coaches coachen.

„Es ist ein Perpetuum Mobile der Verzweiflung – angetrieben von Instagram-Filtern und Ratenzahlung."

Die Frage, die niemand stellt: Wer kauft am Ende eigentlich was? Wer ist der Endkunde? Die Antwort ist: Es gibt keinen Endkunden. Das Produkt ist der Verkauf des Produkts. Die Ware ist die Hoffnung.

198 Euro pro Minute

Das Handelsblatt hat recherchiert: Eine einzige VIP-Stunde mit dem Mann an der Spitze kostet 11.900 Euro. Netto. Für 60 Minuten. Das sind 198 Euro pro Minute. Ein Herzchirurg verdient weniger. Aber der Herzchirurg hat auch zehn Jahre studiert und rettet Leben.

Das Manager Magazin hat im Mai 2025 gefragt: „Ist das Satire?" Es war keine Satire. Die Rechnungen sind echt.

Keine Idioten

Jetzt könnte man sagen: Selbst schuld. Aber das greift zu kurz.

Die Menschen, die hier unterschreiben, sind keine Idioten. Es sind Physiotherapeuten, Ernährungsberater, Lebenscoaches, kleine Selbstständige. Menschen, die gut in ihrem Fach sind, aber nicht in der Kundenakquise. Die 30.000 Euro nicht haben, aber einen Kredit aufnehmen, weil ihnen jemand mit einer Rolex in einer Flugzeugtoilette erklärt, dass sie „in sich investieren" müssen.

Sie werden unter Druck gesetzt. Und die, die nicht zahlen können? Die werden verklagt. Und verlieren.

Fazit

Das Muster ist branchenweit. Der Koblenz-Krake ist nur der Sichtbarste. Es gibt Dutzende wie ihn. Alle mit denselben Taktiken. Dieselben Lamborghini-Fotos. Dieselbe Verachtung für jeden, der fragt.

Ich nenne sie das, was sie sind: eine hocheffiziente Maschine zur Umverteilung von Geld von Menschen, die es nicht haben, zu Menschen, die behaupten, das Geheimnis zu kennen, wie man es bekommt.

Das Geheimnis ist übrigens: Du verkaufst das Geheimnis. Und wenn das nicht funktioniert, liegt es an deinem Mindset.

„Die Rechnungen sind echt. Die Träume waren es nicht."
High-Ticket Coaching Kritik Verbraucherschutz OLG Köln